Selbst gesteuertes Fremdsprachenlernen
via Multimedia? Zur Umsetzbarkeit eines sprachdidaktischen Leitprinzips
Ziel des Beitrags ist
es zu verdeutlichen, dass typisch konstruktivistische Anforderungen an
computergestützte Lernumgebungen zwar in vielen Punkten mit einem auf
Lernerautonomie abzielenden Fremdsprachenunterricht vereinbar sind, „selbst
gesteuertes“ und „autonomes“ Lernen“ bei der Nutzung von Selbstlernprogrammen
jedoch gezielter didaktischer und programmtechnischer Unterstützung bedürfen.
Wo eine solche fehlt, verbirgt sich hinter dem Etikett „Selbstlernprogramm“ oft
nichts anderes, als eine durch technischen Aufwand kaschierte Rückkehr zu
behavioristischem Drill und bloßem Imitationslernen. Vor diesem Hintergrund
kommt der Fremdsprachendidaktik die Aufgabe zu, konkrete
Umsetzungsmöglichkeiten für ein selbst gesteuertes Lernen zu erarbeiten. Eine
computergestützte Ausspracheschulung, die auf selbst gesteuertes Lernen und
Lernerindividualisierung abzielt, sollte dem Lerner deshalb nach Möglichkeit
eine Lernwegberatung anbieten, in der kontrastive phonetisch-phonologische
Analysen didaktisch genutzt werden.
Eine der letzten Tagungen des AKS
[1]
stand unter dem Motto „Neue Medien – Neues Lehren – Neues
Lernen“, wobei in der Sektion „Neue Medien und Autonomes Lernen“ der Leitfrage
nachgegangen wurde „(...) unter welchen Voraussetzungen und unter welchen
Feedbackmaßnahmen Neue Medien das autonome Fremdsprachenlernen unterstützen
und effektiver machen können.“
[2]
Es kann kaum überraschen, dass gerade das autonome Lernen
mit Neuen Medien bei der AKS-Tagung einen Themenschwerpunkt bildete, denn
nicht nur von der Mediendidaktik und Instruktionspsychologie, auch von Seiten
der Fremdsprachendidaktik ist wiederholt angeführt worden, einer der zentralen
Vorzüge der Neuen Medien liege darin, dass diese ein selbst gesteuertes und
autonomes Lernen unterstützen.
[3]
Ich will deshalb im
Folgenden der Frage nachgehen, wodurch und inwieweit die Neuen Medien ein
selbst gesteuertes Lernen in besonderer Weise unterstützen können – und ob sich
hieraus ein potenzieller didaktischer ‚Mehrwert’ ableiten lässt. Hierzu werde
ich zunächst die Begriffe „selbst gesteuertes Lernen“, „autonomes Lernen“ und
„Selbstlernen“ mit Blick auf ihre unterschiedliche Entstehungsgeschichte
voneinander abgrenzen. In einem zweiten Schritt werde ich die
Mediendesign-Anforderungen referieren, die von konstruktivistischer Seite für
ein selbst gesteuertes (Fremdsprachen)Lernen erarbeitet worden sind, um
anschließend die Möglichkeiten und Grenzen ihrer medientechnischen
Umsetzbarkeit im Bereich Fremdsprachenlernen zu beleuchten. Am Beispiel
Ausspracheschulung werde ich dann kurz auf einzelne fertigkeitsbezogene
Voraussetzungen eines individualisierten multimediagestützten
Fremdsprachenlernens eingehen. Abschließend werde ich meine These begründen, dass
eine gezielte Förderung selbst gesteuerten Lernens mit Hilfe der Neuen Medien
die Fremdsprachendidaktik vor neue Aufgaben stellt.
Der Begriff „selbst gesteuertes Lernen“ ist in der
fremdsprachendidaktischen Diskussion eng mit der Rezeption konstruktivistischer
Theorieansätze verknüpft. Die Forderung nach selbst gesteuertem Lernen leitet
sich aus der konstruktivistischen Grundannahme ab, dass jede Form produktiven
Wissenserwerbs kognitiver Eigentätigkeit des Lerners entspringt. Da jede Form
von Lernen auf bereits bestehenden Wissensstrukturen des Lerners aufbaut, sind
Lernprozesse aus konstruktivistischer Sicht stets individuell geprägt; ihr
Verlauf und ihr Ergebnis sind deshalb auch nur sehr bedingt prognostizierbar.
Das Gegenstück zu selbstgesteuertem Wissenserwerb ist instruktionelle, extern
gesteuerte Wissensvermittlung (vgl. Müller 1997).
Mit dem bewussten Verzicht auf belehrende
Instruktion und dem Appell, den Lerner möglichst selbstständig seinen Lernweg
bestimmen zu lassen, überlappt sich das konstruktivistische Konzept selbst
gesteuerten Lernens zum Teil jedoch mit älteren Konzepten autonomen Lernens
(vgl. Rösler 1998). Dies zeigen auch Wolffs (1994) Empfehlungen für einen
konstruktivistisch ausgerichteten Fremdsprachenunterricht: Wolff (1994:
422-427) nennt in seinen Vorschlägen zur Förderung selbstständiger
Wissensbildung im Einzelnen: kooperatives Lernen, Gruppen- und Projektarbeit,
handlungsorientiertes und entdeckendes Lernen – durchwegs also Lernformen, die
von der Fremdsprachendidaktik – verbunden mit der Forderung nach autonomem
Lernen – bereits zu Beginn der 80er Jahre propagiert worden sind und damit vor
die Rezeption konstruktivistischer Theorieansätze fallen, die in Deutschland
erst in den 90er Jahren einsetzte.
Holec, der mit seiner 1981 erschienenen
Monographie Autonomy in Foreign Language
Learning in der Fremdsprachendidaktik die Diskussion um den Stellenwert und
die Realisierungsmöglichkeiten autonomen Lernens erneut wachgerufen hat,
definiert autonomes Lernen als die Fähigkeit, das eigene Lernen
selbstverantwortlich in die Hand zu nehmen. Als lernerseitige Voraussetzungen
hierfür benennt er a) die Fähigkeit Lernziele, Lerninhalte und Lernprogression
festzulegen, b) geeignete Lerntechniken auszuwählen und c) den eigenen
Lernerfolg bewerten zu können.
Holecs Konzeption
autonomen Lernens ist damit durch zwei komplementäre Aspekte gekennzeichnet:
selbstverantwortliches Handeln (als pädagogisches Ziel) und die hierfür
erforderlichen metakognitiven Fertigkeiten (als kognitionspsychologische
Voraussetzungen). Holecs fremdsprachendidaktische Konzeption autonomen Lernens
zeigt hierbei in ihrer kognitionspsychologischen Fundierung eine deutliche Nähe
zu konstruktivistischen Ansätzen, greift in ihrer pädagogischen Zielsetzung
aber auch reformpädagogische Anliegen auf.
Die reformpädagogischen
Entwürfe autonomen Lernens unterscheiden sich von Holecs jüngerer Konzeption
vor allem durch die Betonung selbstbestimmten und eigenverantwortlichen
Handelns. Sie sind durch eine pädagogisch-erzieherische Dimension
gekennzeichnet, die in den späteren – stark von der Kognitionspsychologie
beeinflussten – Konzeptionen autonomen Lernens in den Hintergrund getreten ist.
Der Begriff
„Selbstlernen“ wird in der Diskussion um das Lernen mit Neuen Medien häufig mit
autonomem und selbst gesteuertem Lernen in Verbindung gebracht. De facto
beschreibt er jedoch nur den äußeren Umstand, dass der Lerner mit
Selbstlernmaterialien arbeitet. Bei Selbstlern-CD-ROMs und Internet-Angeboten
kann dies ein Lernprogramm mit ausgeprägter instruktioneller Führung sein,
ebenso aber auch eine komplexe Lernumgebung, die zu selbst gesteuertem und
explorativem Lernen herausfordert. Der Begriff „Selbstlernprogramm“ ist deshalb
als solcher keiner bestimmten lerntheoretischen Konzeption verpflichtet. In der
Praxis fallen hierunter Vokabeltrainer und Drill-and-Practice-Programme, aber
auch elaborierte mehrschichtige Anwendungen. Dem letztgenannten Typ ist z.B. das
Multimedia-Programm Einblicke
zuzurechnen, bei dem die Schulung sprachlicher Teilfertigkeiten in eine
vergleichsweise komplexe Darstellung einzelner Teilbereiche deutscher
Lebenswirklichkeit eingebettet ist.
Von konstruktivistischer
Seite sind zur Unterstützung selbst gesteuerten Lernens eine ganze Reihe
konkreter Mediendesign-Empfehlungen entwickelt worden (s. Gerstenmeier und
Mandl 1994; Spiro und Jehng 1990). Ich möchte mich hier auf die Nennung von 5 Kernanforderungen
beschränken:
·
Computergestützte
Lernumgebungen sollten komplex und realitätsnah sein, um ein kontextualisiertes
Lernen zu ermöglichen und Wissenstransfer zu erleichtern.
·
Sie sollten den
Programmbenutzer dazu herausfordern, Problemstellungen aus unterschiedlichen
Perspektiven zu bearbeiten, um den Erwerb „multiperspektivischen Wissens“ zu
fördern.
·
„Kognitive
Werkzeuge“ (cognitive tools) sollten
den Lerner beim gezielten Einsatz von Lern- und Problemlösestrategien
unterstützen.
·
Um den Erwerb multiperspektivischen
Wissens zu fördern, sollten kooperative Lernformen gefördert werden. Besonders
relevant ist diese Forderung z.B. bei Projektarbeiten zum interkulturellem
Lernen.
·
Schließlich sollten
Hilfsfunktionen und Beratungsangebote den Lerner unterstützen, wenn ihn die
selbstständige Lösung einer Aufgabe überfordert.
Der genannte
Forderungskatalog dürfte heutzutage kaum einen Fremdsprachendidaktiker zum
Widerspruch herausfordern: Dass „situiertes Lernen“, der Einsatz von
Lernstrategien, kooperatives Lernen und die Bereitstellung von Lernhilfen
tendenziell dem Fremdsprachenerwerb förderlich sind, ist inzwischen von der
Sprachlehrforschung ebenso wie von
der Spracherwerbsforschung in
diversen Einzelstudien aufgezeigt worden. Aber lassen sich die hohen
Anforderungen in Sprachlernprogrammen medientechnisch auch hinreichend
umsetzen?
Ich kann die Frage nach
den medientechnischen Möglichkeiten und Grenzen eines selbst gesteuerten
Fremdsprachenlernens hier nur schlaglichtartig beleuchten. Ich werde mich im
Folgenden deshalb darauf beschränken, statt differenzierter Einzelanalysen zwei
Kernthesen zur Diskussion zu stellen.
These 1: Die Mehrzahl der konstruktivistischen Mediendesign-Anforderungen lässt sich
medientechnisch adäquat umsetzen – auch wenn die Umsetzungspraxis den genannten
Anforderungen häufig nicht genügt.
These 2: Unzureichendes Feedback auf gesprochene und freie schriftliche
Lernereingaben erschweren es dem Lerner, den erzielten Lernerfolg zuverlässig
einzuschätzen und sein Lernverhalten gegebenenfalls zu modifizieren. Da die
rechnerbasierte Auswertung produktiver Lernerleistungen auf technische Grenzen
stößt, bleibt bei reinen Selbstlern-CD-ROMs und Internet-Angeboten ohne
tutorielle Unterstützung für den Lerner offen, ob die von ihm eingesetzten
Lernstrategien auch wirklich lernwirksam waren. Mit anderen Worten: Solange der
Stand der Technik es dem Lerner nicht erlaubt, den erzielten Lernerfolg genauer
zu bestimmen, solange wirken reine Selbstlernangebote dem planvollen Einsatz
von Lernstrategien entgegen.
Tendenziell können
Multimedia-Programme der Forderung nach „situiertem Lernen“ und einer
kontextualisierten Darbietung des Lerngegenstands Fremdsprache aufgrund ihrer
breiten Präsentations- und Steuerungsmöglichkeiten besser gerecht werden als
herkömmliche Lernmaterialien. Positiv zum Tragen kommt hierbei nicht nur die
für Multimedia- und Hypermedia-Anwendungen typische Verknüpfung von Text, Bild
und Ton; eine nicht minder wichtige Rolle spielen die vielfältigen
Strukturierungsmöglichkeiten des Lernangebots durch Links und
Hypertextverknüpfungen. Sie eröffnen dem Lerner alternative Lernwege und geben
ihm in anspruchsvolleren Anwendungen meist auch zusätzliche Verstehenshilfen an
die Hand. Solch fakultativ benutzbare Verstehens- und Lernhilfen tragen zu
einem individualisierten Lernen bei und können unterschiedlichen
Lernerbedürfnissen und Lernvoraussetzungen Rechnung tragen.
Ich möchte meine hier
sehr summarisch vorgetragene 1. These kurz am Beispiel Hörverstehen
illustrieren – einem Fertigkeitsbereich, bei dem je nach Ausgangssprache mit
unterschiedlich großen Lernschwierigkeiten zu rechnen ist. Im herkömmlichen
lehrkraftgestützten Fremdsprachenunterricht orientiert sich die Progression bei
Hörtexten am Kriterium „vom Leichten zum Schweren“. Hörstrategien werden zwar
vermittelt, zusätzliche Verstehenshilfen werden dem Lerner – mit Ausnahme
punktueller Visualisierungshilfen – in der Regel jedoch nicht an die Hand
gegeben. Verstehensschwierigkeiten der Lerner werden meist nur im Rahmen einer
thematischen und lexikalischen Vorentlastung berücksichtigt. Anspruchsvolle
Multimedia-Programme bieten dem Fremdsprachenlerner demgegenüber die
Möglichkeit, den Hörtext auch als Video abzurufen, wobei situativer Kontext und
paraverbale Ausdrucksmittel das Hörverstehen erleichtern. Zusätzlich kann in
vielen Programmen der entsprechende Schrifttext zugeschaltet werden und
unbekannte Lexik in einem „Sprechenden Wörterbuch“ nachgeschlagen werden. Vor
allem aber kann der Hörtext bei einer handlichen Steuerungstechnik vom
Programmbenutzer jederzeit unterbrochen, zurückgefahren und schwierige
Sequenzen so mehrfach abgehört werden. Hier stellt die Multimediatechnik also
tatsächlich fakultative Hilfen bereit, die individuelle Kompetenzdefizite
auszugleichen helfen.
Meine zweite These, dass
multimediale Selbstlernprogramme ein selbst gesteuertes Lernen bisher nur
unzureichend unterstützen, möchte ich an zwei Programmbeispielen, der
Selbstlern-CD-ROM Einblicke und den
Sprachlernprogrammen der Tell me more-Reihe
(von Auralog), näher ausführen. Beide Programme ermöglichen dem Lerner nämlich
keine zuverlässige Evaluation des erzielten Lernerfolgs – obgleich diese für
den Programmbenutzer zur gezielten Planung seiner weiteren Lernschritte
unabdingbar wäre. Die Gründe hierfür sind, wie ich an zwei Beispielen näher
ausführen werde, primär technischer Natur.
Das im Auftrag des Goethe-Instituts für fortgeschrittene Deutsch-Lerner erstellte Selbstlernprogramm nutzt die spezifischen Möglichkeiten eines multimedialen Sprachlernangebots in breitem Umfang. Die Hersteller haben – im Gegensatz zu vielen kommerziellen Anbietern – bei der Erstellung des Übungsangebots die Grenzen des technisch Machbaren im Blick behalten. Da „freie“ schriftliche Lernereingaben beim gegenwärtigen Stand der Technik rechnergestützt nicht zuverlässig ausgewertet werden können, folgt auf solche in Einblicke konsequenterweise kein bewertendes Feedback. Dies heißt allerdings auch, dass für den Programmbenutzer offen bleibt, wie weit seine produktiven Schreibfertigkeiten reichen. Die wenigen produktiven Schreibübungen sind in Einblicke außerdem stark gesteuert. So wird der Programmbenutzer beispielsweise dazu angehalten, bei der Texterstellung vorgegebene Redemittel und Strukturen zu benutzen. Ob der unter Berücksichtigung entsprechender Vorgaben erstellte Text sprachlich korrekt ist, muss der Programmbenutzer anschließend selbst über den Vergleich seiner Eingabe mit einer Modellantwort bestimmen. Hierbei wird ein Ausmaß an kritischem Selbsteinschätzungsvermögen verlangt, das viele Lerner überfordern dürfte.
Die Programmreihe Tell me more wurde zunächst für Englischlerner konzipiert, ist
inzwischen aber auf eine Reihe weiterer Fremdsprachen ausgedehnt worden. Die
Autoren der Programmreihe haben bei der Gestaltung des Übungsangebots einen
anderen Weg gewählt als das Goethe-Institut: Im Gegensatz zu Einblicke enthält das Programm
zahlreiche Sprechübungen. Neben interaktiven Dialogübungen enthält der
Multimedia-Sprachkurs außerdem spezielle Ausspracheübungen. Die Dialog- und
Ausspracheübungen beschränken sich hierbei auf streng gesteuerte Übungsformen.
Die Ausspracheübungen sind durchwegs
Nachsprechübungen und bei den Dialogübungen kann der Programmbenutzer lediglich
eine von drei schriftlich vorgegebenen Antwortalternativen auswählen. Der Grund
dafür ist auch hier technischer Natur: Die programmgesteuerte Spracherkennung
kann gesprochene Lernereingabe lediglich mit vorgegebenen Referenzmustern
vergleichen. Das Programm prüft deshalb auch nur, ob die Lerneräußerung einem
der vorgegebenen Referenzmuster hinreichend ähnlich ist. Für individuelle
Lerneräußerungen bietet das Programm keinerlei Spielraum – reagiert dafür aber
prompt auf jede gesprochene Eingabe. Meist akzeptiert die Spracherkennung dabei
auch noch deutlich fehlerhafte Sprechereingaben, denn bei kommerziellen
Herstellern von Sprachlernsoftware gilt der Grundsatz: Lieber ein
unzuverlässiges und fehlertolerantes Feedback als gar kein Feedback. Salopp
formuliert: Eine „interaktive Rückmeldungskomponente“ ist beim aktuellen Stand
der Spracherkennungstechnik eben nicht ohne Abstriche bei der
Auswertungszuverlässigkeit zu haben.
Sind die Aussichten für ein selbst gesteuertes
Fremdsprachenlernen via Multimedia bisher also nicht doch recht trüb? Ich meine
mit der lapidaren Feststellung „Die Technik ist einfach noch nicht weit genug“
würde es sich die Fremdsprachendidaktik zu leicht machen – und kommerziellen
Herstellern, die sich um solche Vorbehalte wenig sorgen, das Feld überlassen.
Ich möchte deshalb kurz erläutern, wie
fremdsprachendidaktisches know how
auch schon beim gegenwärtigen Stand der Technik zur Optimierung des bestehenden
Software-Angebots beitragen kann. Ich werde mich hierbei auf Überlegungen zum
Bereich computergestützte Ausspracheschulung beschränken. Ziel meiner
Ausführungen ist es zu zeigen, dass sich die Ausspracheschulung auch schon beim
aktuellen Stand der Technik stärker als bislang üblich individualisieren lässt
– so dass Multimedia-Programmen im Bereich Ausspracheschulung tatsächlich ein
„didaktischer Mehrwert“ zugesprochen werden kann. Hierzu müssen die Programme
allerdings Anforderungen erfüllen, auf die ich im Folgenden näher eingehen
werde.
Für ein völlig selbst gesteuertes Lernen bieten
multimediale Ausspracheprogramme bislang nur unzureichende Voraussetzungen. Der
Hauptgrund hierfür ist, dass Ausspracheabweichungen rechnergestützt noch nicht
differenziert genug bestimmt und bewertet werden können. Dies erschwert es dem
Programmbenutzer, seinem Kompetenzniveau entsprechende Lernziele festzulegen
und den bei der Programmbenutzung erzielten Lernerfolg zuverlässig zu
bestimmen. In bestimmten Bereichen können Ausspracheprogramme ein
individualisiertes Lernen trotzdem besser als herkömmlicher
Ausspracheunterricht unterstützen. Im Einzelnen sind hierbei zu nennen
·
die Aneignung
phonetisch-phonologischen Regelwissens – wobei der der Lerner selbst
entscheiden kann, wie weit er sein Regelwissen vertiefen möchte,
·
der Aufbau
zielsprachlicher Perzeptionskategorien durch ein Hörtraining, das auf
ausgangssprachlich bedingte Hörschwierigkeiten abgestimmt ist, und
·
die Routinisierung
bereits angebahnter prosodischer und artikulatorischer Fertigkeiten.
In diesen 3 Bereichen bieten Ausspracheprogramme
für ein individualisiertes Lernen aus einer ganzen Reihe von Gründen beste
Voraussetzungen:
·
Phonetisches
Regelwissen lässt sich via Multimedia besonders anschaulich vermitteln;
gleichzeitig können Wissens- und Übungskomponente durch entsprechende Links
unmittelbar miteinander verknüpft werden.
·
Auch für ein
gezieltes Hörtraining bieten Multimediaprogramme geradezu optimale
Voraussetzungen: Zum einen können die zielsprachlichen Mustervorgaben von
mehreren Sprechern dargeboten werden. Dies erleichtert es dem Lerner,
hinreichend breite zielsprachliche Hörmuster aufzubauen. „Problemlaute“ können
zudem in unterschiedlichen Lautumgebungen geübt und die Hörmuster mehrfach
abgehört werden. All dies fördert den Erwerb zielsprachlicher
Prototypenkonzepte.
·
Außerdem können
Hörübungen, die im herkömmlichen Ausspracheunterricht meist zu kurz kommen,
computergestützt problemlos ausgewertet werden, da sie sich
programmiertechnisch auf Richtig-falsch-Entscheidungen reduzieren lassen.
·
Schließlich können
Ausspracheprogramme dem Lerner zur Festigung bereits angebahnter Fertigkeiten
aufgrund ihres hohen Speicherumfangs ein breit gefächertes Übungsangebot
bereitstellen. Durch handlungsorientierte Übungsformen lässt sich dieses
motivierend und abwechslungsreich gestalten.
Optimieren ließen sich
Ausspracheprogramme in puncto Lernerindividualisierung künftig vor allem jedoch
durch eine gezielte Berücksichtigung L1-spezifischer Erwerbsschwierigkeiten.
Sprachkontrastiv angelegte Ausspracheprogramme sollten hierbei vor allem
Folgendes leisten:
·
phonetisch-phonologische
Kontraste zwischen der Ziel- und Ausgangssprache bewusst machen,
·
dem Programmbenutzer
eine Lernwegberatung anbieten, die auf seine L1-spezifischen
Erwerbsschwierigkeiten abgestimmt ist,
·
das Übungsangebot
nach Schwierigkeitsgraden staffeln, um unterschiedlichen Kompetenzniveaus
besser gerecht zu werden, und
·
typische
Ausspracheabweichungen nach ihrer Verstehensrelevanz gewichten.
Idealiter sollte der Programmbenutzer erkennen
können, welche seiner Ausspracheabweichungen besonders korrekturbedürftig sind
und welche Übungsinhalte für ihn besonders relevant sind. Die letzte Forderung
ist beim gegenwärtigen Stand der Technik nur begrenzt einzulösen. Ihre
lernfördernde Wirkung können Ausspracheprogramme bisher deshalb am besten in
Verbindung mit einer lehrkraftgestützten Lernberatung entfalten.
Um den möglichst autonomen Gebrauch von Sprachlernprogrammen
zu unterstützen, muss nicht zuletzt aber auch die Fremdsprachendidaktik umdenken
– nur dann kann sie den neuen Lernmöglichkeiten, die die Neuen Medien bieten,
gerecht werden und veränderten Lernerinteressen Rechnung tragen. Konkret heißt
dies vor allem: Wer Sprachlernangebote erstellt, muss deutlich machen, an
welchen Kriterien das Programmangebot ausgerichtet ist. Dies gilt für die
Festlegung von Lernzielen und die Beschreibung ihrer Relevanz, ebenso aber
auch für Progressions- und Bewertungskriterien, denn die Transparenz all dieser
Kriterien ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass Fremdsprachenlerner
ihr Lernen selbstständig, planvoll und bewusst gestalten können.
Um das lernfördernde Potenzial der
Multimedia-Technologie auszuschöpfen und zu einem effizienten selbst
gesteuerten Fremdsprachenlernen beizutragen, muss die Fremdsprachendidaktik
neue medienbezogene Vermittlungsstrategien entwickeln, die sehr genau
berücksichtigen, was das technische Medium zu leisten und nicht zu leisten
vermag.
Die größte Herausforderung, die selbst gesteuertes
Lernen an uns Fremdsprachendidaktiker stellt, liegt m.E. jedoch in der
ungewohnten Aufgabe, unser Expertenwissen den Lernern für die eigenständige
Planung und Steuerung ihres Lernverhaltens bereit zu stellen – unser didaktisches know how also gleichsam zu exteriorisieren. Die
Progressionskriterien, an denen wir unseren Unterricht ausrichten, müssen
offengelegt und in eine Lern(weg)beratung umformuliert werden. Gleiches gilt
für die Benennung oft nicht hinreichend transparent gemachter
Bewertungskriterien. Mit anderen Worten: Um Fremdsprachenlernern ein
zielorientiertes, selbst gesteuertes Lernen ermöglichen zu können, muss die
Fremdsprachendidaktik verstärkt jene Kriterien reflektieren und präzisieren, an
denen sich die Unterrichtspraxis orientiert und Lernerfolg bemisst.
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Legenhausen, L.; Wolff, D. (1995) Telekommunikation
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Auralog
(1998): Tell me More - German.
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Auralog
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Voisins de Bretonneux.
DKF Multimedia
(1998): Einblicke. Lernprogramm Deutsch.
Folge1 Miteinander. Hochheim.
Dr. habil. Regina
Richter, Institut für deutsche Sprache und Kultur e.V. an der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Collegienstr. 62, 06886 Lutherstadt
Wittenberg, E-mail: richter@sprache.uni-halle.de.
Gegenwärtige Forschungsschwerpunkte: Interkulturelles Lernen,
Konstruktivistische Theorieansätze, Einsatz der Neuen Medien im DaF-Unterricht,
netzgestütztes Fremdsprachenlernen, computergestützte Ausspracheschulung.
[1]
Der AKS (Arbeitskreis der Sprachenzentren,
Sprachlehrinstitute und Fremdspracheninstitute) ist ein Zusammenschluss
der Einrichtungen, die für die universitäre Fremdsprachenausbildung zuständig
sind.
[2] Siehe
hierzu das Tagungsprogramm „Neue Medien – Neues Lehren - Neues Lernen“ (9.-11.
März 2000), herausgegeben vom Sprachenzentrum der Universität des Saarlandes
(2000:22).
[3] Siehe
hierzu exemplarisch den von Issing & Klimsa (1995) herausgegebenen
Sammelband Information und Lernen mit
Multimedia, sowie Wolff (1998: 209f.), Little (1996 und 1997), Rüschoff
(1995: 560f.) und Eck et al. (1995).