Wie man über
‚den Osten’ spricht – die ‚Neuen Länder’ im bundesdeutschen Diskurs
Der Artikel
gründet auf der Annahme, dass die Chancen zur Vollendung der sogenannten
‚inneren Einheit’ Deutschlands und zur Überwindung der ‚Mauer in den Köpfen’ in
hohem Maße davon abhängen werden, wie sich die Wahrnehmung der ‚Neuen Länder’
durch das übrige Deutschland in Zukunft entwickelt. Er untersucht deshalb,
welche Diskurseigenarten der massenmedialen Repräsentation Ostdeutschlands in
der heutigen Bundesrepublik zugrunde liegen und versucht, diese
diskursgeschichtlich zu interpretieren. Den Mittelpunkt der Argumentation
bilden dabei die wichtigsten Ergebnisse einer systematischen Analyse von
Zeitungsschlagzeilen aus den Jahren 1993 bis 2003 (FAZ und taz). Auf ihrer
Basis wird anhand von Erklärungen der Bundesregierung aus der ‚Wendezeit’
andeutungsweise aufgezeigt, welche älteren diskursgeschichtlichen Linien im
‚Sprechen über den Osten’ bis heute Wirkung zeigen. Schließlich wird die
Analyse des‚herrschenden’ Diskurses um einen Ausblick auf einige
‚Gegendiskurse’ ergänzt.
1. Der Osten als ‚terra incognita’
Auch wenn die Situation in Deutschland noch immer und wohl noch für viele Jahre geprägt ist von einer massiven Abwanderung aus den östlichen Bundesländern in den Westen, so gibt es doch immer wieder auch das Gegenteil: Westdeutsche, die mit ihren Familien aus beruflichen Gründen in den Osten ziehen und dort für einige Zeit oder für immer heimisch werden. Es geschieht dann nicht selten, dass sie bei dieser Gelegenheit erstmals schon allein landschaftlich einen ‚Osten’ kennen lernen, den sie sich so schön und lebenswert nie vorgestellt haben. Das jüngst zum Weltkulturerbe geadelte Elbtal bei Dresen etwa oder die deutsche Küste der Ostsee etwa zwischen Usedom, Rügen und Darß, die mit ihren weiten Stränden, der guten Seeluft und den vielen Freizeitangeboten im und auf dem Wasser den Ostdeutschen immer schon zurecht als ein Stück Paradies galt,[1] wovon eine Passage des aktuell am meisten rezipierten Erinnrungstextes aus Ostdeutschland, Jana Hensels ‚Zonenkinder’, zeugt:
(...) noch heute
heißt meine Toskana eigentlich Mecklenburg. Nie würde ich die Strände von
Fischland gegen die Cote d’Azur eintauschen. Das Interhotel in Warnemünde gilt
mir noch immer als einer der kostbarsten Orte der Welt, und auf der Seebrücke
in Heringsdorf dem Sonnenuntergang entgegen aufs Meer zu laufen, liebe ich mehr
als vom Eiffelturm hinab auf die Seine zu blicken. (Hensel 2003: 120)
Der Westen allerdings entdeckt das Schöne und Lebenswerte nicht nur dieser Gegend in Ostdeutschland erst ganz allmählich. Tatsächlich ist der Osten für viele Westdeutsche – und diese stellen ja nun einmal quantitativ die deutliche Mehrheit der Deutschen insgesamt - nach wie vor eine ‚terra incognita’. Eine aktuelle repräsentative Umfrage belegt dies in deutlichen Zahlen (Tabelle 1).
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Tabelle 1: Der Osten
als ‚terra incognita’ (Quelle:
Stern (15.4.2004) auf der Basis
einer „Forsa“-Umfrage am 7. und 8. April 2004) |
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Frage an Ostdeutsche: Wie oft waren Sie in Westdeutschland? |
Frage an Westdeutsche: Wie oft waren Sie in Ostdeutschland? |
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Häufig |
21 % |
|
|
Gelegentlich |
28 % |
20 % |
|
Selten
/ nie |
24 % |
59 % |
Wenn aber die Mehrheit der (West)deutschen Ostdeutschland nicht aus eigener Anschauung kennt oder zumindest nicht aus vertiefter, so heißt das, dass das verbreitete Bild vom ‚Osten’ das Konstrukt seiner medialen Vermittlung ist: Der Osten ist, wie er in den Massenmedien erscheint. Geht man intuitiv von der oft überwiegend positiven Überraschung aus, die viele Westdeutsche erleben, wenn sie Ostdeutschland dann doch einmal unmittelbar erleben, so muss man annehmen, dass dieses mediale Bild vom Osten sehr negativ ist, dass auf Ostdeutschland ein tiefer medialer Schatten fällt. Der empirischen linguistischen Forschung stellt sich damit die Aufgabe, dieses ‚Sprechen über den Osten’ in den Massenmedien eingehender und vor allen Dingen systematisch zu untersuchen und damit den öffentlichen Diskurs über Ostdeutschland, wie er sich vierzehn Jahre nach der Deutschen Einheit darstellt, genau zu analysieren. Wenn das Bild, das die Mehrheit der Deutschen von Ostdeutschland hat, das Ergebnis ihrer Medienrezeption ist, dann ist diese Frage danach, ‚wie man über den Osten spricht’, in der Tat eine Frage von weitreichendem gesellschaftlichen Interesse über linguistische Belange hinaus. Schließlich ist davon auszugehen, dass Charakter und Chancen zur Vollendung der ‚inneren Einheit’ Deutschlands auch in der Zukunft davon abhängen werden, wie der herrschende Diskurs die Wahrnehmung dieser Gebiete im Westen und der insgesamt westlich dominierten Bundesrepublik prägen wird.
2. Zur Untersuchung und ihrer Methode
2.1 Diskursanalyse
Die Untersuchung, die hier in ihren ersten Ergebnissen vorgestellt werden soll, versteht sich methodisch als eine mehr oder weniger eigenständige Variante der linguistischen Diskursanalyse. Der Ausdruck ‚Diskursanalyse’ ist dabei innerhalb der Sprachwissenschaft – und erst recht über deren Grenzen hinaus – ebenso uneindeutig wie der Terminus ‚Diskurs’ selbst. Da die vorliegende Studie jedoch ein primär anwendungsorientiertes Interesse verfolgt und nicht in erster Linie ein methodisches, sind diese methodentheoretische Fragen an dieser Stelle nicht eingend zu problematisieren (vgl. zur Übersicht: Keller et al. (Hgg.) 2001 und 2003).[2] Dennoch ist es wichtig, deutlich zu machen, in welchem Sinne das, was hier untersucht wird, als ‚Diskurs’ aufzufassen und zu beschreiben ist. Die folgenden ganz grundsätzlichen Anmerkungen dazu sollten für das Verständnis des Folgenden ausreichend sein.
Bei aller Unterschiedlichkeit in den Beschreibungsansätzen ist den verschiedenen diskurslinguistischen Schulen eine Grundannahme gemeinsam: Es gibt zu einer bestimmten Zeit, innerhalb einer bestimmten kulturell oder medial – in einigen Fällen auch sozial – definierten Sprechergemeinschaft immer ein Inventar typischer Formen des Sprachgebrauchs, auf das die individuellen Sprecher bei der Behandlung gesellschaftlich zentraler Themen zurückgreifen.[3] Diese Inventare – oder in der foucaultschen Terminologie präziser: diese ‚Formatierungssysteme’ (Foucault 1981: 108) – sind den Sprechern in der Regel nicht bewusst. Gerade aus diesem Grunde definieren sie unbemerkt die Grenzen des Sagbaren und steuern auf diese Weise die herrschende Wahrnehmung: In den diskurstypischen Eigenarten des sprachlichen Ausdrucks manifestiert sich eine ganz bestimmte Perspektive auf die betreffenden Gegenstände, die durch die geradezu stereotype Verwendung der entsprechenden Versprachlichungsformen implizit immer wieder erneuert wird und sich so zum ‚Weltwissen’, besser: zum ‚Diskurswissen’ der Sprechergemeinschaft verfestigt. In eben diesem Sinne ist das hier verfolgte Untersuchungsinteresse ein diskurstheoretisches, da es gerade dieser Zusammenhang zwischen dem Gesagten, dem Sagbaren und dem Konstrukt der Wirklichkeitswahrnehmung ist, das im Falle des deutschen ‚Ostens’ relevant ist.[4]
Nicht immer herrscht in der öffentlichen Thematisierung eines gesellschaftlich relevanten Gegenstands nur ein Diskurs. Es gibt gerade im politischen Bereich Themenfelder, in der es eine regelrechte Konkurrenz der Diskurse gibt.[5] Aber auch dort, wo mehr oder weniger ein Diskurs herrscht, gibt es, zumindest unter den demokratischen Kommunikationsbedingungen der Meinungsfreiheit im Grunde immer ‚Gegendiskurse’. Charakteristisch für diese Gegendiskurse ist, dass sie stets über die Eigenarten des herrschenden Diskurses definiert sind und diese oft dezidiert, manchmal spielerisch zu dekonstruieren versuchen. Das heißt aber auch, dass die in der Regel unterbewusst wirksamen Formatierungssysteme der Diskurse sehr wohl expliziert und bewusst gemacht werden können und auf diese Weise auch wandelbar sind. Solche Diskurskonkurrenzen sind damit stets Ausdruck widerstreitender gesellschaftlicher Interessen. Auch im Falle des bundesdeutschen Diskurses über Ostdeutschland wird es bedeutsam sein, Gegendiskurse zu ermitteln, um den herrschenden Diskurs gerade auch von ihnen her sichtbar zu machen.
Ein Diskurs ist, von der praktisch-methodischen Seite her betrachtet, ein ‚virtuelles Korpus’ (vgl. Busse et al. 1994: 14). Seine Elemente sind nicht Texte, sondern einzelne Äußerungseinheiten (vgl. Jung 1996), das Auswahlkritierium ist der gemeinsame Gegenstand, auf den diese Äußerungseinheiten bezogen sind. ‚Virtuell’ bleibt der Diskurs als Korpus deshalb zwangsläufig, weil es prinzipiell niemals möglich ist, über die Gesamheit aller Textsorten und Texte hinweg, alle öffentlich getätigten Äußerungen zu einem Thema zu sammeln und auszuwerten. Diskursanalyse arbeitet von daher letztlich immer exemplarisch und induktiv. In diesem Sinne verstehen sich die im Folgendes vorgestellten ersten Ergebnisse einer kleinen Studie lediglich als Hinweise auf eine Spur, die in einer umfassenderen diskurslinguistischen Analyse, anhand anderer Textsorten und einer größeren Zahl von Äußerungseinheiten, in anschließenden Projekten weiterzuverfolgen ist.
2.2 Das Korpus: Zeitungsschlagzeilen
Bei der Untersuchung, die hier vorgestellt wird, handelt es sich um die systematische Analyse von Zeitungsschlagzeilen. Herangezogen wurden zwei überregional bedeutsame Tageszeitungen, die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) sowie die tageszeitung (taz), und hier jeweils alle Ausgaben der beiden Blätter aus dem jeweiligen Monat Mai der Jahre 1993 bis 2003.[6] Das Suchwort, nach dem die für die Analyse relevanten Überschriften ausgewählt wurden, war ‚ostdeutsch*’ (womit also die syntaktischen Wörter ‚ostdeutsch(e)’, ‚Ostdeutsche’, ‚Ostdeutschland’ usw. abgedeckt sind). Auf diese Weise wurden jeweils die kompletten elf Monatszeiträume beider Zeitungen ausgewertet. Erfasst wurden Haupt- sowie Über- und Unterüberschriften gleichermaßen.[7] Die weiteren Ausführungen und der Sprachgebrauch der Artikel selbst blieb grundsätzlich unberücksichtigt.
Zeitungsschlagzeilen (oder: ‚Headlines’) sind eine eigenständige Textsorte, die ganz bestimmten – linguistisch bislang viel zu wenig untersuchten – pragmatischen Regeln folgt (vgl. Sandig 1971). Auch wenn es in verschiedenen Zeitungen von Seiten der Redaktionen unterschiedliche ‚Kulturen’ gibt, mit dieser Textsorte umzugehen, so ist doch in jedem Falle ein gewisser Kondesat-Charakter typisch für Überschriften – der Zwang also, Inhalte eines Artikels zu pointieren (vgl. Dor 2003). Nicht immer heißt das, dass die Schlagzeile den Artikel im eigentlichen Sinne zusammenfasst. Häufig ist sie auch ironisches Sprachspiel, greift plakative Nebenaspekte heraus oder beschränkt sich überhaupt mehr oder weniger darauf, die Aufmerksamkeit des potenziellen Lesers zu erregen und gewissermaßen für den Artikel zu werben. Auch hierbei handelt es sich jedoch um Formen des Kondensierens und Pointierens, wenn auch unter einer jeweils anderen kommunikativen Zielsetzung auf Seiten des Textproduzenten, der Journalisten und Redakteure also. Was den Rezipienten der Textsorte ‚Schlagzeile’ angeht, den Zeitungsleser, so gewinnt dieser, umso geübter er ist umso mehr, einen Großteil seiner Informationen aus der Lektüre eben dieser Überschriften. Auch derjenige Leser, der für sich beansprucht, täglich ‚die Zeitung’ zu lesen, meint damit er in der Regel, dass er sich einen Überblick über alle Schlagzeilen der Tagesausgabe macht und daraufhin nach seiner persönlichen Disposition, nach Interessen und Vorwissen auswählt, welche Artikel er vollständig rezipiert.
Für die vorliegende Untersuchung ist ein Korpus aus Schlagzeilen gerade aufgrund dieses Kondensatcharakters der Textsorte in besonderem Maße wertvoll: Zum einen stellen die Artikelüberschriften von ihrer formalen Seite her damit so etwas wie isolierte Äußerungseinheiten dar, die zwar im Zusammenhang zu einem Langtext stehen, aber eben auch von diesem unabhängig kommunikativ funktionieren müssen. Zum anderen lässt der textsortentypische Zwang zur Verdichtung auch vermuten, dass das einschlägige Diskurswissen hier ebenfalls in einer komprimierten Form vorliegt und sich so besonders klar ermitteln lässt.
2.3. Zum Verhältnis quantitativer und qualitativer Aussagen
Eine diskursanalytische Studie wird letztlich immer auf qualitative Untersuchungen angewiesen sein, in denen die konkrete Sprachverwendung einer gegebenen Äußerungseinheit analysiert und im Hinblick auf das darin verdichtete Diskurswissen interpretiert wird. Nur in diesen interpretativen Einzeluntersuchungen kann das eigentlich Charakteristische eines Diskurses wirklich erkennbar und evaluierbar gemacht werden. Man könnte umgekehrt sogar davon sprechen, dass das methodisch-theoretische Konstrukt ‚Diskurs’ einen intertextuellen Interpretationsrahmen darstellt, der es erlaubt, die einzelne Äußerung oberhalb der wenig relevanten individuellen Sprecherebene zu interpretieren.
Sollen demgegenüber quantitativ begründete Aussagen über den Charakter eines bestimmten Diskurses, hier des medialen Diskurses über Ostdeutschland, gemacht werden, stellt sich häufig das Problem, dass zentrale Diskursaspekte nicht unmittelbar quantifizierbar sind. In diesen Fällen muss das gegebene Material zunächst einmal interpretativ aufbereitet werden, bevor es sekundär quantifizierbar ist. Dies gilt auch für die im Folgenden vorgestellte Schlagzeilenanalyse. Eine der dabei verwendeten Kategorien – etwa die zum ‚Nachrichtenwert’ (vgl. 3.3.) – basieren auf vorgängigen Interpretationen.[8] Auf die Berücksichtigung solcher indirekt-quantitativen Ergebnisse wurde dennoch nicht verzichtet, weil diese als Grundlage für exemplarische qualitative Untersuchungen unentbehrlich erscheinen. Der Grund dafür liegt in einer Art methodischem Zirkelschluss, den die Diskursanalyse nicht prinzipiell vermeiden kann: Um wirklich aussagekräftig und relevant zu sein, muss eine einzelne Äußerung aus dem Diskurs, die qualitativ analysiert wird, von ihrem sprachlichen Format her ‚typisch’, das heißt irgendwie repräsentativ sein (vgl. Jung 1994). Ob sie dies aber ist, kann man nur im Rückgriff auf quantitative Voruntersuchungen wissen, die ihrerseits auf die qualitative Aufbereitung des sprachlichen Datenmaterials angewiesen ist. Dieses Wechselverhältnis ist bei der Rezeption der folgenden Untersuchungsergebnisse stets beachten.
Die Interdependenz aus empirischer Messung auf der einen und Interpretation auf der anderen Seite soll hier aber auch dadurch verdeutlicht werden, dass im Anschluss an die Präsentation der empirischen Untersuchungsergebnisse ein Interpretationsversuch unternommen wird, der diese Ergebnisse mentalitäts- und diskursgeschichtlich zu deuten und einzuordnen versucht, um gleichzeitig einen Ausblick darauf zu geben, welche Konsequenzen die Resultate dieser kleinen Pilotstudie für das Verständnis der Probleme haben können, die den Zustand der ‚inneren Einheit’ prägen.
3. Empirische Ergebnisse
3.1. Frequenz der Erwähnungen
Die einfachste Frage, die sich an das Datenmaterial im Hinblick auf das Untersuchungsinteresse stellen lässt, lautet: Wieviel – noch nicht wie – wird über ‚den Osten’ gehandelt?[9] Da im Rahmen dieser Untersuchung hierzu keinerlei unmittelbare Vergleichswerte (etwa zu ‚Westdeutschland’) herangezogen wurden, ist in diesem Zusammenhang insbesondere die Entwicklung über den Untersuchungszeitraum (1993 – 2003) hinweg relevant. Das Resultat ist in der Tat signifikant: Während sich das Vorkommen des Suchworts ‚ostdeutsch*’ in den Schlagzeilen der taz von Anfang an auf sehr niedrigem Niveau bewegt, sich innerhalb dessen aber (gerade aufgrund der ohnehin kleinen Datenmengen) keine eindeutige Entwicklungstendenz ausmachen lässt, nehmen die Erwähnungen in der FAZ fraglos und insgesamt eindeutig ab, bis sie sich in den letzten drei Jahren auf dem niedrigen Niveau der taz einpendeln (vgl. Tabelle 2).
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Tabelle 2: Erwähnungen ‚ostdeutsch*’ |
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Mai 93 |
Mai 94 |
Mai 95 |
Mai 96 |
Mai 97 |
Mai 98 |
Mai 99 |
Mai 00 |
Mai 01 |
Mai 02 |
Mai 03 |
|
FAZ |
34 |
24 |
22 |
20 |
13 |
9 |
11 |
15 |
6 |
7 |
6 |
|
taz |
9 |
7 |
7 |
6 |
2 |
7 |
7 |
1 |
4 |
3 |
6 |
Als ein erstes Ergebnis
suggerieren die Zahlen so ganz offensichtlich, dass das mediale Interesse an
Ostdeutschland insgesamt deutlich abgenommen hat innerhalb des
Untersuchungszeitraums. Um diesen Befund wirklich zweifelsfrei festhalten zu
können, musste jedoch noch ausgeschlossen werden, dass sich hier nicht in
Wirklichkeit lediglich ein Wandel im Sprachgebrauch niederschlägt. Schließlich
liegt die Vermutung nahe, dass man im Laufe der Jahre immer seltener das Lexem ‚ostdeutsch*’ verwendete und sich statt
dessen anderer Ausdrucksalternativen bediente. Die Kontrolle mit den Suchworten
‚Neue (Bundes)länder’ (vgl. Tabelle 3) und ‚Osten’ (vgl. Tabelle 4) (jeweils
mit allen grammatisch bedingten Wortformen) zeigt jedoch, dass auch diese
alternativen Lexeme in ihrer Frequenz rückläufig waren.
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Tabelle 3:
Erwähnungen ‚Neue (Bundes-)Länder‘ |
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Mai 93 |
Mai 94 |
Mai 95 |
Mai 96 |
Mai 97 |
Mai 98 |
Mai 99 |
Mai 00 |
Mai 01 |
Mai 02 |
Mai 03 |
|
FAZ |
8 |
3 |
6 |
5 |
3 |
4 |
2 |
0 |
4 |
0 |
0 |
|
taz |
3 |
1 |
1 |
1 |
2 |
0 |
1 |
0 |
2 |
0 |
2 |
|
Tabelle 4: Erwähnungen ‚Osten’ (i.S.v. ‚Ostdeutschland’) |
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|
Mai 93 |
Mai 94 |
Mai 95 |
Mai 96 |
Mai 97 |
Mai 98 |
Mai 99 |
Mai 00 |
Mai 01 |
Mai 02 |
Mai 03 |
|
FAZ |
37 |
22 |
13 |
13 |
16 |
17 |
15 |
10 |
11 |
10 |
11 |
|
taz |
12 |
10 |
7 |
11 |
10 |
16 |
9 |
4 |
7 |
7 |
8 |
Auch die Vermutung,
eine zunehmende Differenzierung in der medialen Berichterstattung sorge dafür,
dass Pauschalausdrücke wie ‚Ostdeutschland’ oder ‚Neue Länder’ mehr und mehr
ersetzt würden durch die individuelle Angabe etwa des betroffenen Bundeslandes,
ließ sich durch eine Datenkontrolle widerlegen: So ergab die exemplarische
Analyse mit Hilfe des Suchwortes ‚thüring*’ (für ‚Thüringen’, ‚thüringisch’
etc.) keinerlei einheitliche Tendez innerhalb des Untersuchungszeitraumes, in
keinem Fall jedoch eine signifikant ansteigende Entwicklung (vgl. Tabelle 5).
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Tabelle 5: Erwähnungen
‚thüring*’ |
|||||||||||
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|
Mai 93 |
Mai 94 |
Mai 95 |
Mai 96 |
Mai 97 |
Mai 98 |
Mai 99 |
Mai 00 |
Mai 01 |
Mai 02 |
Mai 03 |
|
FAZ |
11 |
4 |
6 |
4 |
12 |
8 |
7 |
13 |
6 |
5 |
3 |
|
Taz |
6 |
2 |
1 |
2 |
1 |
4 |
3 |
5 |
8 |
7 |
3 |
Es lässt sich also
tatsächlich als primäres Ergebnis festhalten: Der Osten wurde innerhalb des
Untersuchungszeitraums zunehmend ‚ausgeblendet’, verschwand aus dem Blick und
geriet mehr und mehr in den ‚toten Winkel’ der Medien.
3.2. Die Verteilung
der Erwähnungen auf die Ressorts
Die
nächste Frage, der die Untersuchung
nachging, war die, in welchen Ressorts der Zeitungen Ostdeutschland
innerhalb des Korpus zum Gegenstand einer Schlagzeile wurde. Während sich bei
der taz, auch aufgrund der geringen
absoluten Zahl an Nachweisen, hier ein eher uneinheitliches Bild bietet,
spricht das Ergebnis der entsprechenden Analyse im Falle der FAZ eine deutliche Sprache (vgl. Tabelle
6): Hier stammt weit über die Hälfte der Erwähnungen aus dem Wirtschaftsteil. Selbst wenn man in
Rechnung stellt, dass die FAZ für
ihren Wirtschaftsteil bekannt und renommiert ist, ist dieses Ergebnis fraglos
signifikant.[10]
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Tabelle 6:
Verteilung der Erwähnungen ‚ostdeutsch*’ nach Ressorts |
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|
FAZ |
Taz |
||
|
Wirtschaft |
93 |
Wirtschaft |
10 |
|
Politik |
42 |
Politik |
15 |
|
Feuilleton |
8 |
Kultur |
7 |
|
Sport |
3 |
Hintergrund |
10 |
|
Reiseblatt |
3 |
|
6 |
|
Sonstiges |
3 |
Sonstiges |
2 |
Das zweite Ergebnis lautet
also: Offenbar wird der Osten medial in erster Linie als Wirtschaftsphänomen
konzeptualisiert und repräsentiert. Mit dieser Selektion erfolgt natürlich auch
eine durchaus folgenreiche Wahrnehmungslenkung.
3.3.
Nachrichtenwert
In einer ersten
qualitativ-quantitativen Analyse wurde dann untersucht, worin im Einzelnen der
‚Nachrichtenwert’ des Gegenstands ‚Ostdeutschland’ bestand, was also den Osten
jeweils erwähnenswert machte aus Sicht der Redaktionen. Die qualitative
Vorab-Kategorisierung folgte dabei zunächst einer ganz grundsätzlichen und
schematischen Logik: Eine Zeitung berichtet über ein bestimmtes Thema entweder,
weil es etwas Positives oder aber
weil es Negatives dazu zu vermelden
gibt. Darüber hinaus ist zumindest im Falle seriöser Zeitungen davon
auszugehen, dass sie auch ‚neutrale’
Informationen an ihre Leser weitergeben, also solche, deren Bewertung Sache des
Lesers ist und von dessen individueller Situation, seiner Weltanschauung und
seinen Interessen abhängt.
Der Versuch, das
Material anhand dieses Schemas zu kategorisieren, führte schließlich zu der
Einsicht, dass im Falle des Gegenstands ‚Ostdeutschland’ noch ein weiterer Typ
von Nachricht hinzukommt. Bei diesem besteht der Nachrichtenwert darin, dass
über etwas Besonderes oder Kurioses aus Ostdeutschland berichtet wird, der
Osten also Nachrichtenwert erhält als etwas ‚Exotisches’.
Je ein typisches
Beispiel für die verschiedenen Kategorien von Nachrichtenwert geben die
folgenden, dem Korpus entnommenen Schlagzeilen:
Positiv: „Frühjahrsaufschwung am ostdeutschen Arbeitsmarkt – Im Westen
kaum Belebung / Weniger Entlastung durch die Arbeitsmarktpolitik“ (FAZ, 7.5.1993)[11]
Negativ: „Essen als deutsch-deutsches Problem – Seit der Wende nimmt die
Zahl vo Eßgestörten besonders in Ostdeutschland zu (...)“ (taz, 13.5.1994)
Neutral: „Surreale Sachlichkeit – Im Nachlaß des großen ostdeutschen
Porträtmalers Wolfgang Peuker wurden Gebäudeansichten entdeckt“ (FAZ, 2.5.2002)
‚Exotisch’: „Die Rettung eines ‚zarten ostdeutschen Pflänzchens’ – LER –
Brandenburgs Alternative zum Religionsunterricht“ (taz, 19.5.1995)[12]
Natürlich ergeben sich
bei einer solchen qualitativen Kategorisierung auch Zweifelsfälle, in denen
die Zuordnung zu einem Typus von Nachrichtenwert kaum möglich ist. So könnte
etwa die folgende Schlagzeile je nach Interpretation gleichzeitig allen Kategorien
(außer der Kategorie ‚negativ’) zugeordnet werden:[13]
‚Täve‘
Schur und sein Verein holen die Radrundfahrt ins Erzgebirge / Weitere
ostdeutsche Städte bewerben sich als Etappenorte - EPISODE IN OBERWIESENTHAL
SOLL DIE RÜCKKEHR DER FRIEDENSFAHRT EINLEITEN (FAZ, 11.5.1995)
Der eingangs erwähnte intuitive Verdacht,
dass die Schlagzeilen mit eindeutig negativem Nachrichtenwert im Falle der
Berichterstattung über Ostdeutschland eindeutig überwiegen, bestätigte sich
nun in der auf diese Art interpretativ vorbereiteten quantitativen Analyse
überraschenderweise keineswegs. So zeigt etwa die Auswertung der FAZ über
den gesamten Zeitraum hinweg, dass es einen durchaus nennenswerten Anteil
von Schlagzeilen mit positivem Nachrichtenwert gibt, und dass lediglich eine
Minderheit von ihnen einem unfraglich negativen Nachrichtenwert zuzuordnen
ist. Ähnliches gilt für die taz, bei der jedoch im Vergleich mit der FAZ ein
noch höherer Anteil ‚exotischer‘ Nachrichten zu verbuchen ist (vgl. Tabelle
7).[14]
|
Tabelle 7: Nachrichtenwert der Schlagzeilen |
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|
|
Positiv |
Negativ |
Neutral |
‚Exotisch‘ |
|
FAZ |
37 |
43 |
69 |
26 |
|
Taz |
5 |
21 |
27 |
16 |
Es ist also nicht einfach so, dass man über den Osten nur oder auch nur
überwiegend Negatives zu vermelden weiß. Das empirisch belegbare Bild erweist
sich diesbezüglich als weitaus differenzierter.
3.4. Semantische Rollen
Nachdem sich der Anfangsverdacht auf diese Weise nicht belegen ließ,
stellte sich die Frage danach, was den Eindruck eines ‚medialen Schattens‘ auf
Ostdeutschland hervorruft, neu. In einem weiteren Analyseschritt wurde das
Korpus von daher anhand der Frage ausgewertet, in welcher semantischen Rolle
der Osten in den Schlagzeilen jeweils erscheint. Auch diese Analyse setzte auf
der einfachsten schematischen Ebene an und unterschied lediglich alternativ die
Rollen AGENS und PATIENS. Das Zurordnungskriterium also war, ob Ostdeutschland
(oder: Ostdeutsche) in den Schlagzeilen als Objekt oder Subjekt von Handlungen
erscheinen, unabhängig von der syntaktisch-grammatischen Form des gewählten
Ausdrucks. Zur Illustration mögen jeweils zwei Beispiele aus dem Korpus
genügen:
AGENS: „‚Privatisierte Unternehmen in
Ostdeutschland sind erfolgreich‘ – Aber große Branchenunterschiede /
Eine Untersuchung von Price Waterhouse“ (FAZ, 25.5.1993)
AGENS: „In medias res – Ein
ostdeutscher Amtsarzt hat Gabriele Goettle seine Geschichte erzählt“ (taz,
24.5.1993)
PATIENS: „Abnahme der Bestellungen im
März – Ostdeutschland besonders betroffen“ (FAZ, 7.5.1999)
PATIENS: „Wasserrettungsdienst
unzureichend – Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft beklagt Lage in
Ostdeutschland / Viele Todesopfer“ (FAZ, 28.5.1997)
Bereits die Analyse auf dieser Ebene zeigt zumindest im Falle der FAZ ein signifikantes Ergebnis: In
deutlich mehr als der Hälfte der Schlagzeilen erscheint Ostdeutschland (bzw.
Ostdeutsche) in der semantisch passiven Rolle, im PATIENS. Bei der taz liegt der Anteil unter 50 %, ist
jedoch ebenfalls beträchtlich.
|
Tabelle 8: Semantische Rollen (AGENS – PATIENS) |
||
|
|
AGENS |
PATIENS |
|
FAZ |
62 |
100 |
|
Taz |
34 |
26 |
In einem weiteren Analyseschritt wurde nun innerhalb der Schlagzeilen der
Kategorie AGENS noch einmal nach der ausdrucksseitigen Form differenziert.
Kriterium war dabei, ob sich die aktive semantische Rolle des Ostens auch in
der jeweiligen Formulierung niederschlägt, ob also im sprachsystematischen
Sinne aktive oder passive Ausdrucksweisen gewählt wurden. Dabei konnte die
Kategorie ‚Passiv‘ nicht im engeren
Verständnis ausschließlich am jeweiligen Verbmodus festgemacht werden, sondern
musste in einem lexikalisch-grammatischen Sinne erweitert werden. Dies ergibt
sich aus den pragmatisch bedingten Konventionen der Textsorte ‚Schlagzeile‘,
für die gerade elliptische Formulierungen unter Auslassung eines finiten Verbs
typisch sind. Von daher wurden etwa auch Abstraktionen, bei denen an die Stelle
konkret handelnder Personen entpersonalisierte Gruppen- oder
Kategorialbezeichnungen treten, unter die ausdrucksseitige Kategorie ‚Passiv‘
gerechnet. Nach dieser Differenzierung
war also das Vorkommen der Kombinationen ‚AGENS/Aktiv‘ und ‚AGENS/Passiv‘ zu
ermitteln. Beispiele für diese Varianten aus dem Korpus sind etwa:
AGENS/Aktiv: „VNG ist für den Wettbewerb gut
gerüstet – Ostdeutscher Gasimporteur legt Rekordergebnis vor“ (FAZ,
16.5.2002)
AGENS/Passiv: „Bauernland in Westlerhand
– CDU/CSU und FDP haben sich auf ein Entschädigungsgesetz verständigt / Sollte
es im Bundesrat nicht zu Fall gebracht werden, droht in Ostdeutschland eine
Landrevolte“ (taz, 21.5.1994)
Das letzte Beispiel zeigt deutlich, worum es bei dieser Analyse ging: Auch
die Wahl der ausdrucksseitigen Form durch die Journalisten oder Redakteure
steuert die Wahrnehmung des Gegenstands beim Leser: Die Nachricht in der zitierten
Schlagzeile besteht im Grunde darin, dass das geplante Gesetz (‚Rückgabe vor
Entschädigung‘) dazu führen wird, dass die gegenwärtigen (ostdeutschen) Besitzer
der Ländereien aufbegehren und ihr (subjektiv empfundenes) Recht einklagen
werden – mit der Folge massiver sozialer Spannungen. Rein sprachlich aber
kommen diese ostdeutschen Landbesitzer in der Schlagzeile nicht vor. Stattdessen
wird nicht nur die passive Formulierung „in Ostdeutschland“ gewählt, sondern
dazu noch eine aus dem Bereich der Naturkatastrophen und Krankheiten bekannte
Kollokation: es „droht“ eine Landrevolte.[15] Das Beispiel zeigt,
dass man, wenn es um implizit transportiertes Diskurswissen geht, sich nicht
allein auf die Feststellung der semantischen Rollen beschränken kann – die
ja häufig von der Nachricht selbst und nicht vom Journalisten vorgegeben ist
– sondern die gewählte Ausdruckform hinzunehmen muss. Von daher sind die Nachweise
für die semantische Rolle ‚PATIENS‘ für eine aussagekräftige Erhebung zu denen
zu hinzuzurechnen, in denen die semantische Rolle AGENS formal passivisch
ausgedrückt wird. Tut man dies, so ergibt sich sowohl für die FAZ als auch für die taz ein signifikant deutliches Übergewicht
solcher Schlagzeilen, in denen Ostdeutschland (oder: Ostdeutsche) in passiver
Position konzeptualisiert sind.[16]
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Tabelle 9: Semantische Rollen (AGENS aktiv/passiv –
PATIENS) |
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|
AGENS
aktiv |
AGENS
passiv |
PATIENS |
|
FAZ |
35 |
27 |
100 |
|
Taz |
20 |
14 |
26 |
Die Ostdeutschen – so lautet also dieses weitere wichtige Ergebnis der
Analyse – erscheinen in der Regel als die passiven Objekte des Handelns anderer
und Ostdeutschland als der Spielball höherer Gewalten.
Schließlich muss zumindest exemplarisch auch noch darauf hingewiesen
werden, dass umgekehrt auch aktive Formulierungen nicht zwangsläufig Indikator
für die semantische Rolle AGENS sind. Das Korpus weist einige aktivisch
formulierte Schlagzeilen auf, deren Nachrichtenwert gerade dennoch darin
besteht, Ostdeutsche als passive Menschen oder Objekte einer fremdgesteuerten
Entwicklung zu charakterisieren, wie es in den folgenden Beispielen der Fall
ist:
PATIENS/Aktiv: Ostdeutsche lassen organisieren
– Die Ostdeutschen greifen bei der Planung ihrer Ferien zunehmend auf
Reisebüros zurück“ (FAZ, 15.5.1997)
PATIENS/Aktiv: „Ostdeutschland leidet unter der
übereilten Lohnanpassung – Drangsal durch volle Übernahme des
westdeutschen Wirtschaftsrechts / Warnung vor Dauersubvention“ (FAZ, 30.5.2000)
3.5. Topoi
In einem letzten Analyseschritt wurde das Korpus noch daraufhin untersucht, welche Topoi charakteristisch sind für die Thematisierung Ostdeutschlands in den Zeitungsschlagzeilen.[17] Die qualitative Auswertung führt dabei auf die Kategorisierung dreier immer wiederkehrender Topoi, die als Topos der Besonderheit, Topos der Schwäche und Topos der Belastung bezeichnet werden können.
Der Topos der Besonderheit ist dadurch charakterisiert, dass Ostdeutschland oder ostdeutsche Ereignisse, Einrichtungen und ähnliches als eine Abweichung von einem meist nicht explizierten Normalzustand erscheinen. Seine Allgegenwart hatte sich schon im Zusammenhang mit der Nachrichtenwert-Analyse darin ausgedrückt, dass sich dort eine eigene Kategorie hierfür (‚exotisch’) als hochfrequentiv erwies. Beispiele für den Topos der Besonderheit aus dem Korpus sind:
„Frau Genc hätte gern Blumenkohl gehabt
– Den Sommer über tourt die ‚Lindenstraße’ durch 15 ostdeutsche Städte, um zu
erkunden, wie die Wiedervereinigung in der West-Serie Einzug halten könnte“
(taz, 26.5.1998)
„Die Union sucht eine erfolgversprechende
Strategie – Ostdeutsche Lebensläufe und ‚Fehleinschätzungen’“ (FAZ,
4.5.1998)
Der Topos der Schwäche lässt Ostdeutschland oder ostdeutsche Eigenarten als etwas strukturell Defizitäres erscheinen. Diese Perspektive kann exlizit ausgedrückt sein, sie kann aber auch implizit dadurch erzeugt werden, dass ein Bedarf nach gezielter Unterstützung, Stärkung oder Entlastung für Ostdeutschland thematisiert wird. Hierin kondensiert sich damit gewissermaßen das, was im Zusammenhang mit den semantischen Rollen zur passiven Konzeptualisierung des Ostens in den Schlagzeilen ermittel wurde. Beispiele für den Topos der Schwäche sind:
„Weiter EU-Hilfe für ostdeutsche Länder
– Zusage Barniers: Unterstützung auch nach der Erweiterung“ (FAZ, 6.5.2003)
„‚Wessis faule Säcke!’
– Die deutsche Einheit ist da: Der
Kanzler nimmt Ostdeutsche in Schutz“ (taz, 3.5.2001)[18]
Der Topos der Belastung schließlich bezieht das über Ostdeutschland Berichtete ausdrücklich auf West- oder Gesamtdeutschland und konzeptualisiert den Osten dabei regelmäßig als Hindernis oder Schwächung für diese.[19] Die stete Wiederholung des Topos der Belastung ist es sicherlich auch, die die Schlagzeilen über Ostdeutschland mit explizit negativem Nachrichtenwert kommunikativ so prekär machen, dass man ihre Frequenz intuitiv überschätzt: In jeder von ihnen steckt eben auch die Suggestion, der Osten belaste den Westen und die gesamte Bundesrepublik – auch dann, wenn dies nicht explizit behauptet ist. Schließlich ist es angesichts dessen, was zur Ressortverteilung der Schlagzeilen über Ostdeutschland gesagt worden ist, naheliegend, dass sich dieser Topos mehrheitlich – aber nicht nur – im ökonomischen Kontext findet. Beispiele für den Topos der Belastung aus dem Korpus sind:
„1995 wird für die Kaufhallen ein Jahr der
Konsolidierung – Erhebliche Belastungen durch die ostdeutsche
Tochtergesellschaft“ (FAZ, 30.5.1995)
„IG Metall legt Autofabriken lahm – Warnstreiks
in Ostdeutschland / 35-Stunden-Woche gefordert“ (FAZ, 6.5.2003)[20]
Die Zusammenstellung solcher Schlagzeilen, in denen einer der drei zentralen Topoi vorkommt, zeigt nun, dass die darin als Diskurswissen transportierten kognitiven Strukturen keineswegs gleichwertig sind. Sie bauen vielmehr aufeinander auf und bilden eine sich logisch auseinander ergebende Steigerung vom Topos der Besonderheit über den Topos der Schwäche hin zum Topos der Belastung: Die ‚Besonderheit’ des Ostens ist häufig, dass er ‚schwach’ ist in verschiedenster Hinsicht[21] und diese Schwäche birgt immer die Gefahr, die Bundesrepublik zu belasten. Im gewissen Sinne ist dieses Treppen-Schema die Kernformel, die sich aus den Schlagzeilen darüber ablesen lässt, ‚wie man über den Osten spricht’.
4. Diskursgeschichtliche Hintergründe – ein Interpretationsversuch
Die dargestellten Analyseergebnisse lassen bei aller Vorläufigkeit, die allein aus dem Umfang des Korpus und der Unvollständigkeit der an dieses gerichteten Untersuchungsfragen ergibt, dennoch Umrisse jenes diskursiven Formatierungssystems erkennen, das die massenmediale Repräsentation Ostdeutschlands in den Jahren 1993 bis 2003 geprägt hat. Solche Formatierungssysteme aber sind nicht naturgesetzlich gegeben. Sie sind vielmehr das Ergebnis komplexer mentalitätsgeschichtlicher (vgl. Hermanns 1997) und, da sie ja letztlich an sozial definierte Diskursgemeinschaften gebunden sind, auch gesellschaftsgeschichtlicher Entwicklungen, die sich regelrecht als Diskursgeschichte auffassen lassen. Die großen deutschen Tageszeitungen, deren Schlagzeilen hier untersucht wurden, sind – wie im Grunde alle überregionalen Massenmedien – nach wie vor mehr oder minder westdeutsch dominiert. Der Versuch, die Hintergründe und Wurzeln des Diskurses über Ostdeutschland zu erhellen, muss also zunächst bei Ereignissen der westdeutschen Diskursgeschichte ansetzen. Ein solcher Interpretationsversuch soll hier zumindest angeboten werden. Er basiert auf dem Vergleich der in den Schlagzeilen ermittelten Diskurseigenarten mit einigen zentralen Texten aus einem völlig anderen Textkorpus, das sich relativ leicht erschließen lässt: Die Beschäftigung mit Regierungserklärungen der westdeutschen Bundesregierung aus der ‚Wendezeit’ nämlich zeigt, dass in der Art und Weise, in der in der ‚alten’ Bundesrepublik damals der Diskurs über die zusammenbrechende, dann beitretende (und zu ‚Ostdeutschland’ werdende) DDR geführt wurde, bereits alles angelegt war, was in der Schlagzeilenanalyse als charakteristisch ermittelt wurde. Schlaglichtartig, anhand einiger besonders deutlicher Beispiele, soll das hier angedeutet werden.[22]
Am 8. November 1989, einen Tag vor dem Mauerfall, gab Bundeskanzler Helmut Kohl im Bundestag eine Regierungserklärung zur Lage der Nation. Einziges Thema war die Situation in der DDR, wie sie sich in jenen Tagen aus Sicht der Bundesrepublik darstellte. Kohl sagte dabei unter anderem:
Unsere Landsleute
in der DDR wissen, was sie wollen. Sie wollen aus eigener Verantwortung handeln.
[...] Sie brauchen überhaupt keine Vormünder. Sie wollen selbst entscheiden.
(Bundestags-Protokolle [BTP], 11. Wahlperdiode [11. WP], 173. Sitzung,
8.11.1989, 13014 B)
Es fällt auf, wie selbstverständlich Kohl hier ein Bild, einen semantischen Frame benutzt, in dem die Bürger der DDR in der Rolle von Kindern erscheinen. In diesem Bildkonzept wird den Ostdeutschen schon in jenen Tagen, in denen das Heft des Handelns nun unzweifelhaft und ausschließlich in ihrer Hand und nicht in der westdeutscher Politiker lag, die semantische Rolle des PATIENS, des Objekts zugeschrieben. Es findet sich in den Texten noch öfter und mitunter findet sich dabei das zugrunde liegende Diskursmuster noch deutlicher ausgedrückt. So unterstellt Kohl den Demonstranten in der DDR einige Minuten später in der selben Regierungserklärung und ausgehend von der gleichen Formulierung eine politische Intention, die in jenen Tagen keineswegs auf der Tagesordnung stand:[23]
Unsere Landsleute
[...] wissen selbst am besten, was sie wollen. Und ich bin sicher: Wenn sie die
Chance erhalten, werden sie sich für Freiheit und Einheit entscheiden. (BTP,
11. WP, 173. Sitzung, 8.11.1989, 13016 B)
Ein anderes Schlaglicht: Am folgenden Tag, dem 9. November 1989, platzte in die fachlich-nüchterne Beratung des Bundestags über ein neues Vereinsförderungsgesetz die sensationelle Nachricht von jenem legendären neuen Erlass der DDR-Regierung zur Reisefreiheit.[24] Die Abgeordneten diskutierten das ursprüngliche Thema der Tagesordnung noch eine ganze Weile weiter, bevor die Sitzung doch noch unterbrochen wird. Nach der Wiedereröffnung sprechen einige wenige Politiker jeweils kurz im Namen ihrer Fraktionen zu den Ereignisen in der DDR, unter ihnen Wolfgang Mischnick für die FDP. Am Ende seines Beitrags vermerkt das Protokoll: „Die Anwesenden erheben sich und singen die Nationalhymne“ (BTP, 11. WP, 174. Sitzung, 9.11.1989, 13223 C). Diese für die Geschichte des bundesdeutschen Parlamentarismus durch und durch ungewöhnliche Reaktion der Abgeordneten gibt einen Hinweis darauf, wie bewegend die Situation insgesamt, aber nicht zuletzt auch Mischnicks Redebeitrag gewesen sein muss.[25] In diesem heißt es unter anderem:
Kleinkarriertes
Aufrechnen von Lasten oder Belastungen sind [sic!] dieser historischen Stunde
nicht gerecht. (BTP, 11. WP, 174. Sitzung, 9.11.1989, 13223 B)
Auch der Topos der Belastung war also auch hier, ganz am Beginn des Weges zur Deutschen Einheit, so präsent, dass Mischnick sich genötigt sah, ihm zu begegnen (und ihn damit gleichzeitig zu verfestigen). Die Formulierung „in dieser historischen Stunde“ trägt dabei schon viel von der weiteren Entwicklung des Diskurses in sich. In den folgenden Stunden, vor allem aber auch in den folgenden Wochen, Monaten und Jahren, als das Ausmaß der ökonomischen Probleme Ostdeutschlands mehr und mehr deutlich wurde, konnte das Aufrechnen nicht ausbleiben, dessen Grundlage der Topos der Belastung als Wahrnehmungsschema ist.
Ein letztes Schlaglicht, das die Reichweite der verfolgten diskursgeschichtlichen Spur andeuten soll: In der Erklärung zum Programm der ersten gesamtdeutschen Regierung am 4. Oktober 1990, einen Tag nach der staatsrechtlichen Herstellung der Deutschen Einheit, sagte Bundeskanzler Kohl über den zu erwartenden Beitrag der Menschen aus der – nun ehemaligen – DDR zur Zukunft des geeinten Deutschland:
Mit ihrem
unverstellten Blick für den Wert der Freiheit schärfen sie vielen den Blick
dafür, welch kostbares Gut das ist: eine freiheitliche Demokratie in einem
vereinten Vaterland. (BTP, 11. WP, 228. Sitzung, 4.10.1990, 18020 D)
Es ist also gerade das ‚Exotische’ der Ostdeutschen, der Charakter Ostdeutschlands als Sonderfall des demokratischen Deutschland, den Kohl betont. Gleichzeitig aber suggeriert er noch etwas anderes: Der Beitrag des Ostens soll gewissermaßen ein besonderes Maß an Freude, wenn nicht gar an Dankbarkeit dafür sein, in diesem geeinten Deutschland leben zu dürfen. Deutlicher konnte man den Ostdeutschen – von Anfang an - das Konzept des PATIENS kaum zuschreiben.
Die vorläufige These des hier angedeuteten Interpretationsversuchs, die an anderer Stelle systematischer weiter zu verfolgen ist, lautet: Der westdeutsch dominierte, gesamtdeutsche mediale Diskurs über den deutschen Osten ist, knapp anderthalb Jahrzehnte nach Herstellung der Deutschen Einheit noch immer in einem Formatierungssystem stecken geblieben, das von der Politik bereits spätestens in den Zeiten der ‚Wende’ angelegt worden ist. Der Westen – der vom Osten immer wieder Flexibilität fordert, ohne sich eine Vorstellung davon zu machen, wie viel Flexibilität der ostdeutsche Alltag in den letzten fünfzehn Jahren gefordert hat – hat in der Wahrnehmung und in der diskursiven Bearbeitung Ostdeutschlands bis heute den ‚Schock’ nicht verdaut, mit dem die westdeutsche Politik 1989 und 1990 völlig unvorbereitet auf die kraftvollen Ereignisse in der damaligen DDR reagieren musste.
5. Ausblick: Gegendiskurse
Auch herrschende Diskurse sind nicht allmächtig. Sie haben zumindest in demokratischen Kommunikationsordnungen kein vollständiges und unabänderliches Monopol. So hat auch der in dieser exemplarischen Studie skizzierte Medien-Diskurs über Ostdeutschland Gegendiskurse hervorgerufen, die eine positive Umwertung in der Wahrnehmung des Ostens häufig gerade auch durch den direkten Bezug auf typische Eigenarten des herrschenden Diskurses vornehmen.[26] Gegendiskurse, die gegen das allmähliche Ausblenden des Ostens wirken, gegen die Reduzierung Ostdeutschlands auf ein wirtschaftliches Problemgebiet, gegen das Konzept des passiven Ostdeutschen, der nur das Objekt wechselnder Launen des Westens ist.
Die junge dezidiert ostdeutsche Literatur gehört, ganz unabhängig von der literarischen Qualität der einzelnen Texte, unter diskurstheoretischem Blickwinkel ganz sicher in diesen Kontext. Beispielhaft mag dies eine weitere Passage aus Jana Hensels ‚Zonenkindern’ verdeutlichen, in der es über die westdeutschen Altersgenossen der Autorin zwischen zwanzig und dreißig heißt:
Ja, ich begann
sogar, die Geschichten aus ihrer Welt zu mögen, [...] in der man über die
private Biographie und Beckers Wimbledon-Sieg hinaus keine markanten Daten
kannte. (Hensel 2003: 128)
Hier wird gerade der Aspekt des ‚Exotischen’ aus dem herrschenden Diskurs über Ostdeutschland aufgegriffen, jedoch in konträrer argumentativer Richtung der –vermeintlichen – Langeweile westdeutscher Biographien gegenüber gestellt und so unter der Hand in eine Stärke der jungen Ostdeutschen verwandelt. Die topische Formel ‚Besonderheit = Schwäche’ wird auf diese Weise gebrochen und umgekehrt.
Gegendiskurse finden sich aber natürlich nicht nur im literarischen Bereich, wenngleich dieser gewissermaßen traditionell für diese prädistiniert ist. Wenn beispielsweise eine große Boulevardzeitung aus einem doppelseitigen Interview mit der CDU-Vorsitzenden und ostdeutschen Vorzeige-Politikerin Angela Merkel den Aufmacher „Wessis sollen mehr arbeiten“ (Bild am Sonntag, 50/35, 31.8.2003) textet, dann dreht das ganz bewusst den Belastungs-Topos um und bringt den Westen mit seinen tatsächlich kürzeren Arbeitszeiten in die passive Rolle.
Und schließlich gibt es in Deutschland seit der Deutschen Einheit spezielle ‚Ostmedien’, die zwar in der Regel in der Hand westdeutschen Kapitals sind und deshalb keineswegs als unittelbarer Ausdruck ostdeutscher Befindlichkeiten aufgefasst werden dürfen, die sich aber inhaltlich und diskursiv natürlich den Gesetzen des Marktes folgend auf eine fast ausschließlich ostdeutsche Zielgruppe eingestellt haben. Ein sehr erfolgreiches Medium dieser Art ist die Boulevard-Illustrierte ‚Super-Illu’. Als der renommierte SPIEGEL im April 2003 mit dem populistischen Aufmacher „Wie aus dem Aufbau Ost der Absturz West wurde“ (Titel Heft 15/2004) erschien, reagierte die ‚Super-Illu’ sofort: Man führte ein eigenes Logo ein, das unter dem Slogan „Redet den Aufschwung Ost nicht kaputt“ fortan solche Artikel kennzeichnen soll, in denen Positives über die Entwicklung in Ostdeutschland berichtet wird. Im gleichen Heft, auf einer der ersten Seiten, erfährt der Leser etwas über die zeitgleich in Berlin stattfindenden Massendemonstrationen gegen die Sozialreformen der Bundesregierung, die im Wesentlichen aus dem Westen initiiert und getragen wurden. Der redaktionelle Kommentar hierzu wertet diese Proteste als den Ausdruck westdeutscher Angst vor Veränderung sowie mangelnder Flexibilität und gipfelt in einer fettgedruckten Bildunterschrift, die den Eindruck erweckt, gewissermaßen als Motto eines ostdeutschen Gegendiskurses gedacht zu sein:
Hier sind die
Jammer-Wessis! (Super-Illu, 17/2004, 15.4.2004: 5)
Gegendiskursiv ist hierbei allein schon wirksam, dass die Westdeutschen überhaupt in den Blick geraten. Die explizite Umkehrung des Wahrnehmungsmusters, wie es in dieser Schlagzeile vorliegt, treibt diesen Wechsel in der Blickrichtung nur auf die Spitze.
Gegendiskurse dieser Art verdienen in besonderem
Maße die – nicht nur linguistische – Aufmerksamkeit. Wömöglich ist es ja
wirklich so, dass es für eine Korrektur des Diskurses über den Osten – die
wiederum Voraussetzung ist für den Abbau der noch immer stabilen ‚Mauer in den
Köpfen’ – in Zukunft auch und gerade entscheidend sein wird, dass und wie man über den Westen spricht.
Literatur
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(1960-1985). Tübingen: Niemeyer
Biographische Angaben
geb. 23.6.1973; Studium der Germanistik,
Politologie, Geschichte und Erziehungswissenschaft in Freiburg/Breisgau; 2003:
Promotion in Germanistischer Sprachwissenschaft mit einer Dissertation über
„Politische Sprachberatung als Symbiose von Linguistik und Sprachkritik“ an der
Universität Freiburg/Breisgau; seit April 2003: Wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Institut für Deutsche Philologie der Universität Greifswald
Forschungsschwerpunkte: Politische Sprache und
Kommunikation; Rhetorik; Institutionelle Kommunikation; Sprache in der
Unternehmenskommunikation; Diskurslinguistik
Neuer Veröffentlichungen: (2003) Vorschuß-Rhetorik. Wie man einen politischen
Skandal diskutiert, ehe es ihn gibt. In: Burkhardt, Armin; Pape, Kornelia
(Hrsg.): Politik, Sprache und Glaubwürdigkeit. Linguistik des politischen
Skandals. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 163-180; (2004) Politische Sprachberatung als Symbiose von Linguistik und Sprachkritik.
Zu Theorie und Praxis einer kooperativ-kritischen Sprachwissenschaft.
Tübingen: Niemeyer
[1] Dabei vergisst man ab und an, dass es hier Kontinuitäten gibt, die weit vor
die DDR-Geschichte zurück reichen. So zeugen die so genannten ‚Kaiserbäder’
auf Usedom – Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck – mit ihrer architektonischen
Pracht von der Jahrhundertwende noch heute davon, dass es schon damals die
gesellschaftliche Elite aus ganz Deutschland an die ostdeutsche See zog.
[2] Das heißt auch, dass das Analyseraster, das zu den im Folgenden vorgestellten
empirischen Ergebnissen geführt hat, weit davon entfernt ist, eine veritable
Diskursanalyse darzustellen. Bedeutsam ist hier eher der Diskursbegriff
selbst im Sinne der gewählten Perspektive auf das fragliche Phänomen. Seine
Verwendung ist ohne jeden eigenständigen theoretischen Anspruch dem praktischen
Erkenntnisinteresse geschuldet, das hier verfolgt wird.
[3] In dieser allgemeinsten Formel unterscheiden sich die Ansätze der germanistischen
Diskursanalyse, auf die hier im wesentlichen referiert wird, auch
nicht von jenen Ansätzen, die vor allen Dingen im angelsächsischen
Raum entwickelt und international stark rezipiert wurden (vgl. u.a. Schiffrin
1994, Schiffrin (Hg.) 2001, van Dijk et al. 1992, van Dijk (Hg.) 1997 und
1997a).
[4] In der Tat folgt der Diskursgedanke im Grunde der konstruktivistischen Grundannahme,
derzufolge es eine Wirklichkeit nicht gibt (oder sie für das menschliche
Handeln zumindest irrelevant ist) und statt dessen nur unterschiedliche
Konstruktionen der Wirklichkeit konkurrieren. Vom radikalen Konstruktivismus
unterscheidet die Diskurstheorie jedoch, dass sie diese Konstruktionen nicht
auf der Ebene des Individuums ansiedelt, sondern eben auf der Ebene von
Diskursgemeinschaften, deren Formatierungssysteme nicht zuletzt medial bedingt
sind. – Dennoch ist es auch für das Verständnis der folgenden Analyse wichtig
zu betonen, dass die Frage, ob das in den Schlagzeilen verdichtete Diskurswissen
nicht vielleicht schlicht ‚der Wahrheit’ entspricht, in Sinne der Untersuchungsperspektive
widersinnig, zumindest jedoch bedeutungslos ist.
[5] Gerade darauf zielt die
diskurshistorische Methode, die die Arbeitsgruppe um Georg Stötzel entwickelt
hat, und deren Grundlagen im Rahmen des Projekts „Kontroverse Begriffe“
(Stötzel et al. 1995) gelegt wurden.
[6]
Auf den Kalendermonat Mai fiel die Wahl zufällig. Mit dem
Beginn des Untersuchungszeitraums erst im Jahr 1993 sollte gewährleistet
werden, dass die besondere Situation der unmittelbaren Wende- und Vereinigungsjahre
ausgeklammert ist. Die Auswahl der beiden Zeitungen sollte ein möglichst
breites weltanschauliches Spektrum abdecken, indem die FAZ allegemein als wertkonservativ-wirtschaftsnah
gilt, die taz dagegen als Organ
der Klientel von GRÜNEN und linkem SPD-Flügel. Recherchiert wurde in den
jeweils vollständigen Online-Artikel-Archiven (http://www.faz.net
und http://www.taz.de – Stand
jeweils März 2004).
[7] Die absolute Größe der Datensätze unterscheidet sich zwischen FAZ (162 Nachweise) und taz (60 Nachweise) im Erhebungszeitraum
signifikant. Bevor man hierfür jedoch inhaltliche Interpretationen anbietet,
sind zunächst verschiedene äußere Bedingungen zu beachten wie etwa der unterschiedliche
Umfang der Zeitungsausgaben. Für die quantitativ-empirische Auswertung bedeutet
die unterschiedliche Größe der Datensätze vor allen Dingen, dass der Aussagewert
jeweils ein unterschiedlich deutlicher ist.
[8] Die
vorliegende Studie hat diese heuristischen Vorab-Interpretationen nicht
sozialwissenschaftlich-valide (etwa mit Hilfe von Kontrolleinordnungen durch
Probanden) abgesichert, da es ihr bei den quantitativen Erhebungen lediglich
um die Ermittlung von Tendenzen ging, die auch auf der Basis einer rein
introspektiven Einordnung einzelner Diskurseinheiten noch ausreichend signifikant
sind.
[9] Die Darstellung der Ergebnisse folgt dem Weg der Untersuchung. Auf diese Weise
sollen nicht nur die Forschungsresultate transparent gemacht werden, sondern
auch die heuristischen Fragestrategien, mit deren Hilfe sie gewonnen wurden.
[10] Dies wird dann besonders deutlich, wenn man die Zahl der Erwähnungen im Wirtschaftsteil
mit denen im Feuilleton vergleicht, in dem ‚ostdeutsch*’ so gut wie gar
nicht vorkommt, und dies, obwohl auch das Feuilleton der FAZ zusammen vielleicht mit dem der Süddeutschen Zeitung als meinungsbestimmend
bei Deutschlands Eliten gilt.
[11] Das Beispiel zeigt, dass nicht berücksichtigt wurde, ob die Schlagzeile insgesamt
von positivem Nachrichtenwert geprägt ist, sondern lediglich relevant war,
was über Ostdeutschland, bzw. Ostdeutsche ausgesagt ist. Methodisch bedeutetet
dies, dass jeweils lediglich jene Teilschlagzeile ausgewertet wurde, in
der das Suchwort ‚ostdeutsch*’ vorkam.
[12] Die Einordnung nach Nachrichtenwert ließ unberücksichtigt, ob es sich bei
der entsprechenden Bewertung um die des Journalisten handelt oder lediglich
um den Bericht über eine solche Bewertung, wie es hier durch die Zitatzeichen
angedeutet ist. Dies ist legitim, da es in der Analyse ja nicht um die Auswertung
der Presseberichterstattung selbst geht, sondern die Schlagzeilen auf das
in ihnen transportierte Diskurswissen im Allgemeinen hin untersucht werden
sollen.
[13] Um
eine verfälschende Auswirkung der Kategorisierung solcher Zweifelsfälle
auf das Gesamtergebnis möglichst gering zu halten, wurden Schlagzeilen dieser
Art mehrfach, nämlich jeweils in allen in Frage stehenden Kategorien berücksichtigt.
[14] In beiden Fällen ergab darüber hinaus die Erhebung der Daten zum Nachrichtenwert
auch keinen signifikanten Anstieg negativer Schlagzeilen über den Untersuchungszeitraum
hinweg.
[15] Parallele Sprachverwendungsweisen wären
„Es droht eine Überschwemmung“ oder „Es droht eine Erkältung“.
[16] Selbst wenn man davon ausgeht, dass auch
Ausdrucksvarianten wie die Abstraktion pragmatisch bedingt in der Textsorte
‚Schlagzeile’ insgesamt präferiert werden, ist die Signifikanz des hier
ermittelten Ergebnisses doch noch immer ausreichend groß.
[17] Der Terminus ‚Topos’ wird innerhalb der Linguistik durchaus nicht einheitlich
verwendet und auch die Diskurslinguistik – zu deren zentralen Kategorien
er gehört – bemüht sich erst in jüngster Zeit, seinen Bedeutungsgehalt systematisch
zu bestimmen (vgl. zur Übersicht und mit eigenem terminologisch-methodischem
Vorschlag: Wengeler 2003). Auf einer ganz allgemeinen Ebene jedoch handelt
es sich bei Topoi im diskursanalystischen Sinne in jedem Falle um standardisierte
Argumentationsmuster, deren Beweisregeln nicht mehr eigens genannt werden
(müssen), da sie zum kollektiven Alltagswissen einer Diskursgemeinschaft
gehören. Topoi sind deshalb ein besonders stabilisierendes und konservierendes
Element der diskursiven Wirklichkeitskonstruktion, da sie von den Diskursteilnehmern
regulär nicht in Frage gestellt werden und ihre argumentativen Grundlagen
ausschließlich implizit präsupponiert sind. Daraus ergibt sich, dass in
Bezug auf die topische Struktur des Diskurses anders als im Falle der vorher
behandelten Diskurseigenarten ein quantitaiver Zugang sinnwidrig wäre. Das
Interesse an den Topoi richtet sich eben auf das in ihnen gespeicherte implizite
Wissen und ist von daher zunächst einmal ganz unabhängig von der rein zahlenmäßigen
Frequenz ihres Vorkommens.
[18] Diese Schlagzeile belegt die Vitaliät des
Topos der Schwäche im Zusammenhang
mit Ostdeutschland besonders anschaulich: Obwohl die dem Kanzler zugeschriebene
Äußerung ja eigentlich ganz dezidiert eine Schwäche Westdeutscher behauptet,
wird dies ex negativo in den topisch gewohnten Interpretationskontext gebracht:
Das Kanzlerzitat kann nur dazu gedient haben, die – notorisch schwachen
- Ostdeutschen in Schutz zu nehmen.
[19] Die umgekehrte Perspektive – Westdeutschland
als Belastung für Gesamtdeutschland – findet sich im Korpus gar nicht. Dass
sie prinzipiell denkbar ist, zeigt ein Blick auf explizite Gegendiskurse
(vgl. 5.).
[20] Zum Kontext: Die IG Metall hatte in Ostdeutschland
Streiks initiiert, die unter anderem Zulieferer für die in Westdeutschland
angesiedelte Automobilindustrie betrafen und auf diese Weise dafür sorgten,
dass der Streik in Ostdeutschland zum vorübergehenden Produktionsstopp in
Teilen der westdeutschen Industrie führte. (Das Streikvorhaben der westdeutsch
dominierten IG Metall scheiterte im übrigen wenig später an der mangelnden
Streikbereitschaft der Ostdeutschen, die sich in großer Zahl mit ihren Arbeitgebern
solidarisierten.)
[21] Dieser Schritt ergibt sich nahezu zwangsläufig:
Wenn man die Verhältnisse im Westen als Normalfall annimmt, wie es dem Topos
der Besonderheit ja zugrunde liegt, ist jede Abweichung hiervon eben
immer auch gleichzeitig ein Defizit.
[22] In einem weiter gehenden Forschungsprojekt soll dieses Textkorpus unter dem
hier angedeuteten Gesichtspunkt systematisch untersucht werden.
[23] Zur Erinnerung: Erst im Dezember 1989 begann sich die Bürgerrechts-Parole
des Herbst 1989 „Wir sind das
Volk“ zu wandeln in das Beitrittbegehren weitaus größerer Kreise „Wir sind
ein Volk“. Die deutsche Einheit war im
November 1989 für die Demonstranten in der DDR kein vordringliches Thema.
[24] Einer der Debattenredner verliest die entsprechende Agenturmeldung zu Beginn
seines Beitrags, um dann zur Tagesordnung zurückzukehren (BTP, 11. WP, 174.
Sitzung, 9.11.1989, 13213 D).
[25] Eine ganz eigene Interpretation wäre vor dem Hintergrund der weiteren deutsch-deutschen
Entwicklung Mischnicks Schlusswort wert: „Alle diejenigen, die jetzt noch
schwanken, bitte ich herzlich: Bleibt daheim!“ (BTP, 11. WP, 174. Sitzung,
9.11.1989, 13223 C)
[26] Dabei ist am wenigsten an jene Welle von „DDR-“ oder „Ost-Shows“ im deutschen
Fernsehen zu denken, die im Spätsommer 2003 als Reaktion auf den in seiner
Intention und Aussage viel subtileren Kinofilm „Good bye, Lenin“ in die
Sommerpause schwappte. Diese ist schon deshalb für die hier verfolgte Frage
völlig irrelevant, weil sie der unseligen Gleichsetzung von ‚Osten’ und
‚DDR’ folgt und damit der verhängnisvollen Illusion Vorschub leistet, es
gäbe nicht mittlerweile längst eine zumindest partiell unglückliche deutsch-deutsche
Geschichte nach dem Ende der DDR.